Arrested Denial (Interview)

Grüße! Mein Online Wörterbuch hat mir euren Bandnamen mal spontan mit „Inhaftierte Ablehnung“ übersetzt. Wie steht ihr zu dieser Deutung? Wie seid ihr auf diesen Namen gekommen??

Ja, das kommt so ungefähr hin. Wir hatten ursprünglich einfach Denial im Auge, es gab aber schon eine Death-Metal Band die so hieß. Wir sind dann irgendwann bei Arrested Denial gelandet. Ich könnte mir jetzt wunder was für tiefgründige Stories dazu ausdenken, aber die gibt es nicht. Es ging im Kontext letzten Endes darum, dass kritische Stimmen zunehmend mit Repressionen belegt werden. Was wiederum nicht auf uns als Band bezogen ist, das wäre ja doch etwas albern, sondern auf Leute die da wirklich was reißen.
 

In eurer kurzen Bandbiographie heißt es, das ihr zuvor alle bereits in anderen Bands gespielt habt. Ich als Hobby-Musikhistoriker würde natürlich gern wissen, welche das waren und wie und warum ihr euch letztlich zu Arrested Denial zusammengefunden habt?

Hm, das war eigentlich Zufall, wir kommen alle aus komplett verschiedenen Ecken. Unser Klampfer Sascha hat zuvor bei In Vino Veritas gespielt, einer Hamburger Oi! Band, die es auch nach wie vor gibt. Unser Schlagzeuger Daniel hat viele Jahre bei einer Indie-Band Namens Die Kleinen Götter getrommelt, das war eine Truppe aus Konstanz. Muss man nicht viel zu sagen, kennt wohl jeder Leser dieses Zines. Und ich habe lange Zeit bei This Belief gesungen, das war eine – inhaltlich recht politische – Hamburger Hardcore-Band. Wir haben die Band aufgelöst kurz bevor wir mit Arrested Denial losgelegt haben. Timo spielt noch bei Small Town Riot, die dürfte wohl tatsächlich der ein oder andere kennen.
Die Bandgründung war wie schon erwähnt ziemlich zufällig, wir haben uns vorher nicht gekannt. Sascha hatte Leute gesucht um was Richtung Streetpunk zu starten und ich habe ihn spontan kontaktiert. Wir haben uns dann getroffen und uns ganz gut einen reingelötet. Erfahrungsgemäß haut man sich dann ja entweder aufs Maul oder entdeckt recht viele Gemeinsamkeiten. Bei uns war Zweiteres der Fall, sowohl musikalisch wie auch Attitüde-mäßig. In den nächsten Wochen haben wir dann die anderen aufgegabelt und los ging‘s.
 
Wie kamt ihr zu Mad Butcher? Immerhin habt ihr im Plastic Bomb gesagt „Die aktuelle Scheibe ist auf Mad Butcher rausgekommen, auch das ist denke ich ein klares Statement.“ Also war die Wahl des Labels relativ bewusst? Hattet ihr noch andere Angebote?

Wir haben ein Release über ein Label nicht wirklich forciert, da der ursprüngliche Plan war das wie bei unserem ersten Release DIY ins Netz zu stellen und fertig. Nach einigen Überlegungen haben wir dann aber doch ein paar Exemplare an Labels rausgeschickt, um mal zu kucken ob überhaupt was zurück kommt. Wir hatten letzten Endes mit 2-3 Labels relevanten Kontakt. Mad Butcher war aber von Anfang an ein klarer Wunschkandidat, auch wenn wir jetzt nicht unbedingt eine mehrheitlich kurzhaarige oder inhaltlich überdurchschnittlich politische Band sind. Wir haben zwar einen klaren politischen Standpunkt, treten den aber nicht ganz so breit wie das manch andere Band tut. Jedenfalls sind wir dann nach einiger Inkubationszeit mit Mad Butcher ins Gespräch gekommen und haben uns dann letzten Endes mal in Göttingen getroffen. Uns war da eigentlich nach einer halben Stunde klar, dass wir die gleiche Sprache sprechen. Keine langes Gelaber, keine Business Scheiße, keine illusorischen Vorstellungen, und ein Label das einfach Bock auf die Scheibe hat. Zudem ist positiv hervorzuheben, dass die Kommunikation zu 50% nur aus Gepöbel besteht, und eigentlich jede Frage erstmal mit einem Seitenhieb quittiert wird. Wir teilen also die gleiche Vorstellung von Humor.
 

Der Song „D-Land“! Ihr geht auf die Wirtschaftskrise ein, die im Moment (nicht nur aber) vor allem in Südeuropa brutal zuschlägt. Rücksichtslose Sozialkürzungen auf der einen Seite, Milliardengeschenke für die Banken auf der anderen Seite. Und „Deutschland du hast dich abgeschafft“ ist doch eine Anspielung auf Thilo Sarrazin, oder? Könnt ihr zu dem Song etwas erzählen? Wie ist er entstanden? Warum war es euch wichtig, euch zu dem Thema zu äußern?

 Nun ja, das ist nun mal ein Thema dass uns mehr oder minder alle betrifft, und auch zukünftig einen immer größeren Einfluss auf unser Leben haben wird. Mir persönlich geht bei der ganzen Thematik regelmäßig das Messer in der Tasche auf, insbesondere wenn es um dieses ganze verkackte Finanzsystem geht, welches mittlerweile so ziemlich in voller Breite jegliche Politik bestimmt. Dass derartige Verstrickungen zu immer mehr sozialem Kahlschlag führen, muss man glaube ich nicht groß erklären. Wenn jemand im privaten Bereich solche Nummern abziehen würde wie diese ganzen Business-Hackfressen, dann wäre derjenige  auf Lebzeiten hinter Gittern. Aber wenn man als Global Player unter dem Deckmantel des Wirtschaftswachstums agiert, und dabei 2-3 Mal das Wort „Arbeitsplätze“ erwähnt, kriegt man dafür staatliche Subventionen und einen Persilschein, auch wenn man bereits Milliardenbeträge gegen die Wand spekuliert hat.
Der Titel ist natürlich eine Anspielung auf Sarrazin. Wie jemand, der in Interviews ohne Ausnahme keinen vernünftigen Satz formulieren kann, so viel Scheiße vom Stapel lassen kann, ist mir echt ein Schleier. Aber damit steht er für mich einfach auch für die unglaubliche Selbstgefälligkeit und Heuchelei dieser ganzen Riege. Somit bringt die Ummünzung des eigentlichen Zitates, auf eben diese Leute selbst, die Kritik ganz gut auf den Punkt.
Das in dem Song verwendeten Sample ist übrigens auch inhaltsbezogen. Vielleicht stolpert da ja eines Tages mal jemand drüber…
 
Ihr zitiert in dem Song auch einen Refrain von „Anarchist Academy!“ Eine anarchistische Hip Hop Gruppe. Ich wollte in Vorbereitung auf dieses Interview noch gucken, auf welchem Album das drauf war, aber ich finde die CDs schon gar nicht mehr. (Zu meiner Entschuldigung, ich bin ja dreimal umgezogen in den letzten Jahren). Aber das ist schon alles recht alt oder? Habt ihr Kontakt zu AA? Gibts die überhaupt noch?

Das Zitat stammt aus dem Song „Flammen in der Nacht“. Die Platte hieß Anarchophobia, so grob Anfang bis Mitte 90er. Unsere Nummer hat ja durchaus einen leichten Hip Hop Flow und das Zitat hat einfach gepasst, auch wenn ich vermutlich der schlechteste MC der Welt bin, haha.
Anarchist Academy gibt es wieder, und die haben wohl auch eine neue Platte am Start, die ich aber noch nicht gehört habe. Ich wollte vor ein paar Wochen eigentlich auf ein Konzert von denen in Berlin, bin dann aber doch bei zarten Crust-Klängen in der Köpi hängen geblieben. Nächstes Mal.
Wir kennen die Jungs nicht persönlich und es besteht auch kein Kontakt. Wir wollten denen unsere Nummer aber irgendwann man zukommen lassen. Wer weiß, vielleicht kann man ja tatsächlich mal was zusammen machen, ich bin ja immer ein Freund von szeneübergreifenden Kollaborationen.

Auf eurem aktuellen Album äußert ihr euch auch kritisch zum Zustand der Antifa. Ihr seid ja auch schon in zumindest zwei Interviews, die ich von euch gelesen habe, darauf angesprochen worden. Und beide Interviewer haben die Kritik von euch sehr positiv bewertet. (So, wie ich das auch tue). Gab es aber auch schon negative Reaktionen? Ich meine, irgendjemand muss sich doch auch durch eure Kritik getroffen fühlen?

Bisher eigentlich nicht. Es gab mal 1-2 Fälle, wo Leute einzelne Textpassagen aufgeschnappt und das dann in den falschen Hals gekriegt haben. Ich glaube da ging es um das Wort „Wochenend-Antifas“. Kann man natürlich erstmal stutzig werden, das lässt sich dann aber genauso schnell wieder klären. Größtenteils kam da eher Zustimmung. Aber wir stellen in dem Song ja auch keine wilden Verschwörungstheorien auf oder rufen Parolen aus. Ich denke, dass sehr viele Leute, die sich im weitesten Sinne in ähnlichen Kreisen bewegen, in irgendeiner Art und Weise schon mal mit den erwähnten Problematiken konfrontiert worden sind, und das somit halbwegs nachvollziehbar ist.
Kritik an der eigenen Fraktion öffentlich zu äußern ist immer etwas heikel, da das schnell von Außenstehenden fehlinterpretiert, oder von „politisch sehr anders denkenden“ vereinnahmt werden kann. Ich denke aber der Text ist eindeutig und lässt wenig bis keinen Spielraum für Missverständnisse.

Ihr habt vor kurzem ein paar Konzerte in Ex-Jugoslawien (Serbien, Kroatien, Bosnien) gespielt. Hierzulande hat die Szene dort mit Bands wie Red Union und The Bayonets gute Aushängeschilder. Dennoch ist die Situation in diesen Ländern deutlich schwieriger als hierzulande. Es gab lange Bürgerkrieg, von viel Nationalismus, Hass und Rechtsextremismus ist die Rede. Und von wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Wie habt ihr die Szene dort wahrgenommen?

Zunächst einmal als unglaublich gastfreundlich, wir sind dort überall sehr herzlich aufgenommen worden. Die Musikszene ist aktiv und ziemlich querbeet, wobei wir neben Punkbands auch viel mit Hardcorebands gezockt haben.
Auf der anderen Seite, wie du schon richtig sagst, die Situation dort ist für viele Leute alles andere als einfach. Die wirtschaftliche Lage ist ziemlich verworren und es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit. Hinzu kommt die Historie der letzten 20 Jahre, die noch nicht so ganz verdaut ist, auch wenn ich den Umgang der Leute damit als sehr leger empfunden habe. Überhaupt sind die Leute durch die Bank ziemlich positiv drauf, und es scheint auch immer einen Grund zum Feiern zu geben.
Von Faschos haben wir bis auf unzählige schlechte Graffitis nicht viel mitgekriegt. Aber gut, wir haben eben auch in Locations gespielt wo das nicht wirklich zu erwarten war. Laut den Leuten vor Ort ist das Problem wohl nicht so groß wie man anhand der ganzen Tags zunächst vermuten würde. Aber mir fehlt da eben auch der tiefere Einblick um das fundiert beurteilen zu können. Wenn du dich 12 Tage lang praktisch nur in linken Zentren aufhältst ist das nicht gerade repräsentativ.

Zukunftspläne und letzte Worte?

Unsere aktuelle Scheibe ist ja gerade erst rausgekommen, somit wollen wir jetzt erstmal so viel wie möglich live spielen. Ansonsten nehmen wir die Tage 2 Songs für eine Split 7“ mit den Bayonets auf, die voraussichtlich im Herbst über Mad Butcher rauskommt. Es steht grob im Raum dann gegen Ende des Jahres auch einige Konzerte in Serbien und Deutschland zusammen zu spielen.


1 Antwort auf „Arrested Denial (Interview)“


  1. 1 lp16 18. November 2013 um 0:37 Uhr

    Cheeers!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.